Heißgeliebte „Schaffbox“ – oder: “Ma ass net su huffatisch!“

Veröffentlicht: Donnerstag, 23. Februar 2017
von Elisabeth Dichter-Hallwachs, Hof Hamerskaul, Utscheid

Elisabeth in der alten abgeschnittenen Jeans auf Rucksacktour - 1976„Kand, ma ass net su huffatisch,“ sagt meine Mutter, als ich so cirka sechsjährig, auf einem Stuhl stehend, bei „Tant Greda“ vor dem Spiegel herumtänzele. Tant Greda war die „Doaf-Niescht“ (Schneiderin), bei der meine Schwester und ich in den 50er und 60er Jahren unsere Kleidchen genäht bekamen.

„Watt ass huffatisch?“ frage ich irritiert.
„Op hudeitsch hescht daat eitel“, sagt Tant Greda.
„Et gehiert sisch net, su viel an de Spejel ze kucken“, fügt meine Mutter hinzu.
„Pass op, dat dou net ze grußatisch gess (überheblich wirst)!“

So richtig habe ich das Ganze nicht verstanden. Ich wollte doch nur schön aussehen und das Kleid ein paar Zentimeter kürzer haben. Meine Mutter war in diesen Dingen eher „altmodisch“. Und vor allem war sie sehr sparsam. Für die Kleidchen für meine Schwester und mich kaufte meine Mutter eher dunkel gemusterte Stoffe bzw. gedeckte Farben, die nicht so „schmutzten“. Dann wurden die Kleider auch immer zu groß, mit breiten Säumen und Nähten „zum Rauslassen“ genäht, damit sie jahrelang getragen werden konnten. Meiner Mutter gefiel es gut, wenn meine ältere Schwester und ich immer die gleichen Kleider hatten. Ich hasste dies, denn dann musste ich das gleiche Kleid von meiner Schwester auch noch auftragen.

Ach, wie beneidete ich meine Freundin Doris! Sie hatte nicht nur einen moderneren Namen, eine modernere Mutter, sondern vor allem eine modernere Schneiderin.
Diese kam einmal im Jahr aus der Großstadt Saarbrücken angereist, und Doris bekam traumhaft schöne moderne Kleider aus hellen leuchtenden Stoffen mit pfiffigen Schnitten genäht. Die von meiner Schwester und mir waren immer nur an der Taille angesetzt und nach unten gekräuselt und sahen dagegen plump, kindlich und trampelig aus.

Wir hatten Sonntags-,  Schul-  und Zu-Hause-Kleider und mussten außer sonntags über den Kleidern immer eine Schürze tragen, die schönen für die Schule und  die alten zum Arbeiten.

Da „huffatisch“ sein ja so etwas wie eine Sünde war und von meiner Mutter nicht gern gesehen wurde, verkleidete ich mich oft heimlich und tänzelte dann, wenn meine Eltern nicht da waren, vor dem großen dreiteiligen Spiegel im Schlafzimmer meiner Eltern herum. O, was hätte ich so gerne schicke Anziehsachen gehabt!
So wie ich sie in den Zeitschriften beim Zahnarzt in Bitburg gesehen hatte. Solche Zeitschriften gab es bei uns zu Hause nicht. Wir hatten die Bauernzeitung und den Paulinus. Für meine kleine Kinderseele war es schon fast Sünde, in den bunten Zeitschriften zu blättern.

Damals in den 60ern fuhren wir nur in die Kreisstadt, wenn wir zum Zahnarzt mussten oder neue Schuhe brauchten. Was wir sonst noch so brauchten an Anziehsachen wie Unterwäsche, Schlafanzüge, Strümpfe usw. wurde beim „Hootmaan“ gekauft. Der Hootmaan war ein fahrender Händler, der ein-, zweimal im Jahr in unser kleines Dorf kam, das Auto vollgestopft mit Wäsche, Kitteln, Arbeitskleidung, Trainingsanzügen usw. Wir nannten ihn Hootmaan, denn Hüte verkaufte er auch, und die lagen hochgetürmt ganz oben auf den Klamottenstapeln.
Mein Opa kaufte sich ab und zu einen neuen Hut, denn er trug immer einen.

Wir Kinder kamen immer angerannt und waren sehr gespannt, was der Hootmaan Neues hatte, und manchmal bekamen wir auch etwas Neues. Einmal, ich glaube, ich war gerade 13, also etwa 1966, hatte unser fahrender Kleidungshändler doch tatsächlich ganz moderne Jeanshosen für Mädchen dabei. O, wie gerne wollte ich so eine haben! In den Zeitschriften beim Zahnarzt hatte ich gesehen, dass Mädchen in den Städten auch Hosen tragen, und dass diese blauen Jeans gerade der letzte Schrei sind. Bei uns gab es bis dahin für uns Mädchen nur Skihosen im Winter, die wir mit Faltenrock darüber tragen mussten. Ich bat und bettelte so lange, bis meine Mutter schließlich nachgab und ich meine ersten Jeans bekam. Ein unvergessener historischer Moment, 1966, dreizehnjährig! Damals noch nicht ahnend, dass die Jeans Ausdruck und Kult einer ganzen Generation werden sollten.

Meine ersten Jeans, ich sehe sie noch genau vor mir – nicht hauteng auf den Hüften sitzend, nein, züchtig hoch bis zur Taille, mit Reißverschluss an der Seite – eben eine Mädchenhose. Auch war sie mir erstmal viel zu groß, sie sollte ja möglichst mehrere Jahre passen. Und dennoch, ich war glückselig!

„Wat dou nur an da Schaffbox lo fends, de gett awa nua dahäm bejm Schaffen ugezoren!“ sagt meine Mutter streng. „Ett gehiert sisch net fia en anständisch Mädschen, mat a Box romzerennen!“ Und so darf ich meine neue schicke heißgeliebte „Schaffbox“  nur zu Hause, bei der Arbeit im Stall und auf dem Feld und nicht in der Schule anziehen.

In meiner Jugend in den 60ern wurde in der Landwirtschaft noch Vieles von Hand gemacht, und es war selbstverständlich, dass wir Kinder mithalfen. Da das Vieh täglich versorgt werden musste, sind wir auch nie verreist oder in Urlaub gefahren.

Als ich in der achten Klasse bin, macht unser Lehrer mit uns die erste Klassenfahrt, meine erste Reise sozusagen. Obwohl wir nur nach Boppard an den Rhein fahren, ist es für uns damals wie eine Weltreise. Die meisten von uns sind noch kaum aus unserem kleinen Dorf heraus gekommen, höchstens mal nach Bitburg oder Trier.
Ich sehe zum ersten Mal den Rhein und bin überwältigt. Aber was mir am stärksten von dieser Klassenfahrt im Gedächtnis blieb, ist, dass ich meine heißgeliebten Jeans heimlich eingepackt und sie die drei Tage sozusagen nicht mehr ausgezogen habe!
Ich fühle mich mit meiner Hose wie ein richtiger Teenager, wie die aus den Zeitschriften. Ich fühle mich todschick und auf einmal unvorstellbar selbstbewusst. Und so rauche ich dann auch wie im Rausch meine erste Zigarette, habe meinen ersten Weinschwips und …, na, alles will ich jetzt nicht erzählen.

Inspiriert von der weiten Welt und meinem neuen Selbstbewusstsein durch meine schicke Hose weigere ich mich nun zu Hause, die verhassten Schürzen anzuziehen.
Im Handarbeitsunterricht, den Tant Greda montags nachmittags für die größeren Mädchen in der Schule anbietet, nähe ich mir aus einem alten Rock von meiner Mutter meinen ersten Minirock! Noch heute bin ich Tant Greda dankbar, dass sie uns Kindern so gut das Nähen beigebracht hat. Mit meiner Mutter kämpfe ich um jeden Zentimeter meines Minirocks, und abends im Bett trenne ich den Saum nochmals auf, um den Rock um 2 Zentimeter zu kürzen. Meine heißgeliebten Jeans trage ich nun auch gegen den Willen meiner Mutter in der Schule, meine erste kleine persönliche Revolution.  

Mit 15 gehe ich nach Trier zur Schule; mit meinen schicken Jeans und meinem kurzen Minirock ausgestattet kann ich wenigstens äußerlich mein weniges Selbstbewusstsein als „Landei“ überdecken. Nun fahre ich täglich nach Trier und kaufe mir manchmal heimlich die „Bravo“, die von Eltern und Erziehern verpönte Jugendzeitschrift. Mit ihr versuche ich mich in den aktuellen Modefragen – und auch sonst – aufzuklären.

Von meinem Taschengeld kaufe ich mir neue supertolle Jeans, ganz eng, leicht auf den Hüften sitzend und unten mit etwas Schlag, was gerade der neuste Schrei ist. Die trage ich dann sozusagen Tag und Nacht und zum großen Leidwesen meiner Mutter auch sonntags.
„Su gähs dou awa net in de Kiersch!“ sagt meine Mutter.
„Mähns dou daan, ehsem Herrgott asset net egal, wat eisch uunhonn?“
Und so stolziere ich mit meinen verwaschenen Jeans in der Kirche bis in die erste Bank. Meine Mutter sagt nichts mehr, aber ich glaube, sie hat sich ziemlich geschämt.

Auch zum Abitur gehe ich mit meinen alten Jeans. Daran denke ich noch heute freudig, wenn ich die heutigen Abiturientinnen in ihren tollen Ballkleidern sehe.
Als ich dann 1972 zum Studium nach Koblenz komme, fühle ich mich sofort unter meinesgleichen. Alle tragen Jeans in irgendeiner Form. Jeans sind Kult geworden, sind Symbol für einen neuen Zeitgeist, Abgrenzung von den altmodischen Alten, von festgefahrenen Strukturen und konservativen Ansichten, sind Aufbruch und Revolution, Ausdruck eines neuen Lebensgefühls für meine ganze Generation.
Nicht zuletzt mit unseren Jeans zeigten wir, dass wir  nicht gutbürgerlich und spießig sein wollten und keine Kostüme, Anzüge und Krawatten brauchten, „um ebbes doazestellen“. Wie oft sagte meine Mutter in dieser Zeit: “O, dou könns awa e besjen mieh huffatisch sejn un net emma mat so a Schaffbox romrennen.“

Als im Laufe der Jahre  die Jeans gesellschaftsfähig werden und auch schicke Damen und alte Omas welche tragen, verlieren sie mein  Interesse.
Obwohl ich mit dem Spruch aufgewachsen bin: „Ma mischt et wie de Lett, daan gäht et ääm wie de Lett!“, wollte ich nie wie alle sein und erst recht nicht wie alle aussehen. Im reiferen Alter bevorzuge ich wieder individuelle Kleidung, leiste mir ab und an ein edles Unikat aus gutem Stoff, handgenäht von der „Schneiderin meines Vertrauens“, und mache mich gerne auf meine ganz persönliche Art „noennään“ (wörtlich: „nacheinander“, sinngemäß: „zurecht“). Und so bin ich doch wieder zu meinen Wurzeln, zumindest zu denen, die gut waren, zurückgekommen.

Und wenn ich dann mit meiner handgemachten bunten Filzjacke und einem großen Hut bei meiner Mutter reinschneie, meint sie abermals: „O Kand, dou bass awa ganz schinn huffatisch!“
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„Heißgeliebte Schaffbox" von Elisabeth Dichter-Hallwachs ist zuerst erschienen im Heimatkalender des Eifelkreises Bitburg-Prüm Nr. 65/2016
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