Heißgeliebt: Deck Bunnen un Gesang

Veröffentlicht: Dienstag, 23. Dezember 2025
von Elisabeth Dichter-Hallwachs, Utscheid

Dicke BohnenDicke Bohnen, seit meiner Kindheit mein Lieblingsgemüse. Ich habe gerade zwei Körbe voll geerntet. Seit Jahren baue ich dieses fast in Vergessenheit geratene Gemüse erfolgreich in unserem großen Selbstversorgergarten an. Deck Bunnen gehören fürmich wie Krompern und ahl krom, Äpelbäm zu meinem Eifeler Heimatgefühl.
Dicke Bohnen sind genügsam, bodenständig, zäh und voller Power – vielleicht wie wir Eifeler im Wesenskern.

Ich sitze mit meinen zwei Körben Dicker Bohnen auf unserer Terrasse in der Sonne. Auf meinem Schoß das alte zerbeulte Aluminiumsieb von meinen Großeltern, in das ich die Bohnen pelle. Schon als Kind war ich sehr davon beeindruckt, wie die schönen Bohnenkerne gleich wertvoller Edelsteine in der Schote liegen, geschützt wie in einem von innen wie mit Samt ausgeschlagenen Etui. Diese „Edelsteine“ auszupacken – ein berührender, fast heiliger Moment.
Ich bin gerührt. Und dann sind sie da – Bilder aus meiner Kindheit.

Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen: Meine Geschwister und ich sitzen mit unserem Opa und unserer Mutter auf den Stufen der Treppe zum Hof, hinter unserem Haus. Die Sonne scheint. Wir pellen körbeweise Dicke Bohnen, und dabei singen wir „Kein schöner Land“.
In den 50er, 60er Jahren mussten wir Kinder noch sehr viel in Haus, Garten, Hof und Feld mitarbeiten.
Das war nicht immer nur schön, aber selbstverständlich. Schön und leicht wurde die Arbeit immer, wenn wir dabei gesungen haben. „Kein schöner Land“, „Am Brunnen vor dem Tore“, „Im schönsten Wiesengrunde“... Da fühlte ich mich in dieser Welt gehalten und getragen und mit allem verbunden. In diesen Momenten war die Welt in Ordnung. Wohl wissend, dass „die gute alte Zeit“ nicht nur gut war, steigt in mir doch die Sehnsucht nach diesem Gefühl auf.
Ich schaue von unserer Terrasse in unsere schöne Eifellandschaft, pelle meine Bohnen und singe lauthals „Kein schöner Land“.
Singen tut meiner Seele immer gut. Dabei kann ich all meinen Gefühlen Ausdruck verleihen wie bei nichts anderem. Wo ich gerade in meinen Erinnerungen an meine Kindheit schwelge, tauchen andere Begebenheiten meines Lebens auf, die tief und nachdrücklich mit Musik und Gesang verbunden sind.
Ich sehe meine Schwester und mich in einem Bett liegen, andächtig dem Gesang des Männerchors lauschend, der im Saal unserer Gastwirtschaft probt. Unser Schlafzimmer war über dem Saal, und so hatten wir Kinder jeden Dienstagabend ein Konzert.

Ganz besonders angerührt hat mich als Kind, dass diese oft grob und hart wirkenden Männer unseres Dorfes beim Singen ganz weich wurden. Da durften sie Gefühle zeigen. Bei dem hochromantischen Lied „Es löscht das Meer die Sonne aus“ schmolzen alle dahin, und wir Kinder auch.
Noch heute rührt mich dieses Lied an wie kein anderes. Ganz schön fand ich auch, dass die Männer in der Gastwirtschaft meiner Eltern oft, wenn sie betrunken waren, gemeinsam alte, traurige, rührende Lieder sangen. Zum Beispiel bei dem „Edelweißlied“ waren sie so vom eigenen Gesang berührt, dass die Tränen liefen. Im Alltag erlebte ich Männer nie so.
Diese Generation von Männern, die zum Teil den Krieg miterlebt und immer schwer arbeiten mussten, musste sich hart und „männlich“ geben. Wutausbrüche waren akzeptiert, aber Tränen waren Weibskram.
Ein bisschen ist das heute ja noch so. Ich stelle mir vor, dass die Männer, die schon 1865 den Männergesangverein Gilzem gründeten, nicht nur musikbegeistert waren, sondern auch Sehnsucht nach weichen Gefühlen hatten.

Bis heute liebe ich Chormusik, aber ganz besonders Männerchöre. Vieles von dieser alten Männerchorliteratur kenne ich bis heute auswendig. Oft sage ich: „Im nächsten Leben werde ich Dirigentin von einem Männerchor!“
Leider hat in diesem Leben eesen Herrgott mäisch net besonders mat Musikalität gesähnt. Oder lag es eher an dem Mangel an Förderung in diesem Gebiet in den 50er, 60er Jahren meiner Kindheit hier bei uns auf dem Land, dass aus mir keine Musikerin geworden ist?
Der Männergesangverein "Eintracht" 1865 Gilzem bei der Feier zu seinem 100-jährigen Jubiläum mit seinem Dirigenten Georg MorbachEigentlich komme ich aus einer musikalischen Familie. Mein Vater hatte eine wunderbare Tenorstimme und konnte mit seinen Brüdern auf Familienfesten großartige mehrstimmige Gesänge zum Besten geben.
Auch hatte mein Vater sich selber vor dem Krieg Ziehharmonika und Akkordeon spielen beigebracht, und mein Onkel im Haus spielte Geige.
Zu meinem großen Bedauern spielten sie nur selten, z.B. an Weihnachten und Karneval. Auch hier rührte mich besonders an, dass ich dabei die Weichheit und die zarte Seite meines Vaters fühlen konnte.
Wie gern hätte ich als Kind ein Instrument gelernt! Awa dofir war äfach kejn Zejt do. Meine Kusine in der Stadt lernte schon früh Blockflöte.
Das wollte ich auch so gerne. Ich bekam auch zu Weihnachten eine Blockflöte geschenkt. Aber es gab niemanden, der mir das Spielen beibringen konnte oder sich die Zeit dafür genommen hätte.

In unserer einklassigen Dorfschule, die ich acht Jahre lang besuchte, hatten wir keinen richtigen Musikunterricht. Aber wir haben manchmal gesungen und neue Lieder gelernt.
Vor den Zeugnissen musste jedes Kind vorsingen. Da ich unglaublich schüchtern war, kam dann bei mir kein Ton heraus. So bekam ich dann in dem Fach Musik nur eine 3, was meine schlechteste Note auf dem Zeugnis war. Und ich bekam das Gefühl vermittelt: „Dou kaanst net sangen“, was mich ein Leben lang prägte.
Dabei wollte ich doch so gerne Sängerin werden! Das schreibe ich jedenfalls in der 8. Klasse in dem Aufsatz: „Was ich einmal werden möchte“. Am liebsten wollte ich die Carmen in der Oper singen, die ich einmal im Fernsehen gesehen habe.

1965, als nach 100 Jahren Gilzemer Männerchor daraus ein Gemischter Chor wurde, gingen alle Mädchen ab 12, ich vorneweg, in den Chor.

Ich hatte mich sowieso schon immer gewundert, warum der Chor nur für Männer da war. Meine Mutter konnte auch schön singen, was sie auch oft bei der Hausarbeit tat. Der Chor, daat wa fir mäisch endlich mol ebbes anischdas! Dienstagabend in die Probe, Gottesdienste mitgestalten, im Sommer auf die Chorfeste in anderen Dörfern fahren. Do komen mia mol rous ous dem Doarf. Voller Inbrunst „Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß“ schmettern und an meine erste Liebe denken, ach war das schön! Aber am liebsten habe ich die traurigen Lieder an Allerheiligen auf dem Friedhof gesungen. Da hat mein verborgener, ungreifbarer Weltschmerz Ausdruck finden können.

Dem Gilzemer Chor blieb ich ein Leben lang innerlich verbunden, auch wenn ich nicht mehr mitgesungen habe. Ich war sehr traurig, als der Chor sich nach fast 160 Jahren Bestehen wegen mangelndem Nachwuchs auflöste. Damit ging auch ein Stück meiner Heimatkultur verloren.

Mit 17 Jahren habe ich von der Fachoberschule aus ein Praktikum am Jugendamt der Kreisverwaltung Bitburg gemacht. Gerade in dieser Zeit wurde die Kreismusikschule gegründet.
Ich war so begeistert, dass nun quasi jedes Kind auf jedem Dorf ein Instrument lernen konnte. Welch ein unglaublicher Fortschritt! Warum gab es das nicht schon früher?
Immer noch schmerzt es mich ein wenig, dass ich kein Instrument erlernen konnte. Für mich war es jetzt zu spät, denn ich zog nach Koblenz zum Studieren. Aber ich wollte, dass wenigstens mein jüngerer Bruder ein Instrument lernen sollte, und bedrängte meine Eltern sehr, dass er Klavierunterricht bekam und ein Klavier angeschafft wurde.

Als ich 1972 mit 18 zum Studium „an de Welt ginn“, lasse ich die alten Lieder radikal zurück. Volkslieder sind altbacken, Kirchenlieder sagen mir nichts mehr, Schlager sind blöd.
Neue Lieder treten in mein Leben. Linke, engagierte, aufmüpfige, kritische Lieder erobern mein Herz. In unserer Wohngemeinschaft wurde viel gesungen, was mir in der Ferne ein heimatliches Gefühl gab. Heißt es doch: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder...“ Und wenn wir dann zur
handgemachten Gitarrenmusik „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ schmetterten, fühlte ich den Aufbruch und die Zuversicht, dass ich mit an dem Aufbau einer neuen, besseren Welt arbeite.
Bis heute liebe ich Lieder, die für mich sinnvolle Texte haben und die mich nicht nur von der Musik, sondern auch vom Inhalt her berühren.
Die Lieder der deutschen Liedermacher Hannes Wader, Reinhard Mey und Konstantin Wecker kenne ich bis heute fast alle auswendig.

Zum Glück habe ich einen musikalischen Mann gefunden, der auf allen Ebenen viel Musik in mein Leben bringt. Er spielt Gitarre und Geige, und wir singen oft und gerne alte und neue Lieder. Wir gehen gerne in Konzerte und auch in die Oper.
Wie schön, dass es heute auch hier in unserem Eifelkreis viele hervorragende Musikveranstaltungen gibt.
Gerne gehen wir zu den Konzerten von Schülern der Kreismusikschule, und ich freue mich so, dass heute alle Kinder in jedem Dorf Musikunterricht haben können. Selbstverständlich haben auch unsere vier Kinder ein Instrument gelernt. Dazu habe ich sie sehr ermuntert und vielleicht auch manchmal getrieben, weil ich das ja nicht hatte und so sehr vermisst habe.
Zu meinen Geburtstagen gibt es immer ein kleines Familienkonzert, für mich das schönste Geschenk.
Utscheider Ständchen - Elisabeth & ReinhardJetzt bin ich 72 und spiele immer noch kein Instrument. Hätte ich ja auch immer noch lernen können.
Aber ich hatte in meinem reichen Arbeitsleben keine Kapazitäten mehr dafür frei. Mein Schwiegervater hat noch mit 80 angefangen, Flöte zu lernen. Er ist 97 geworden und hat noch eine ganze Weile geflötet.
Vielleicht fange ich doch nochmal an.

Ich kann auch immer noch keine Noten lesen und beim Singen oft den Ton nicht halten. „Aber dafür singst du mit viel Leidenschaft“, sagt mein Mann. Er hat die Musikalität, und ich bringe die Gefühle mit hinein.
Und so traue ich mich heute, mit ihm bei Familienfesten und Veranstaltungen aufzutreten.

Seit einiger Zeit macht mein Mann mit anderen Musikern in einer Kneipe in Waxweiler Musik zum Mitsingen, wie in einem irischen Pub. Das ist für mich fast wie früher in meiner Kindheit. Beim gemeinsamen Singen fühle ich mich mit wildfremden Menschen verbunden, und ich fühle mich beheimatet. Mein Vater hat früher immer gesagt: „Mia kennen net all zesumen schwätzen, aber all zesumen sangen.“ Also lasst uns mehr zusammen singen! Vielleicht würde dann die Welt ein bisschen besser aussehen.

Aus mir ist keine Carmen geworden, und auch keine Dirigentin eines Männerchors. Aus mir ist trotzdem was geworden. Das Singen hat mich oft durch schwere Zeiten getragen, und ich bin dankbar, dass mein Leben voller Gesang ist. Ich kenne bestimmt mehr als hundert Lieder auswendig: Kirchenlieder, Kinderlieder, Volkslieder, Operettenarien, Küchenlieder, Schlager, kritische Lieder, Popsongs. Und ich habe zu fast jeder Lebenslage das passende Lied auf Lager, das ich dann mal laut und mal leise bei meiner Arbeit in Haus und Garten vor mich hin trällere.
So wie jetzt beim Bohnenpellen.
Ich wünsche mir, dass ich am Ende meines Lebens sagen kann, dass mein Leben „ein großer Gesang“ war, so wie es Rilke in seinem Gedicht „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ schreibt.

Meine Bohnen sind gepellt. Ich tauche aus meinen Erinnerungen auf, und in die Landschaft schauend singe ich noch einmal voller Dankbarkeit ganz leise für mich: „Kein schöner Land...“

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